Interview: Wie klingt die Antarktis?

Auf meiner Polarreise habe ich auch Antarktis-Forscher Tore Hattermann getroffen, der inzwischen in Norwegen arbeitet. Mit ihm habe ich über Angst vor dem Auf-sich-selbst-gestellt sein, Pinguin essen und den Klang der Antarktis gesprochen.

Disclaimer: Dieses Interview ist zuerst im Global Ideas Blog erschienen in einer englischen Fassung. Dies ist die deutsche Version.

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Tore Hattermann arbeitend in der Antarktis – aufmerksam von einem Pinguin beobachtet (Photo: Johan Hustadnes)

Auf dem letzten Stop meiner Expedition in den hohen Norden, durfte ich mich kurz selbst wie eine Forscherin in der Antarkis fühlen – und Schnee schippen. Denn als ich Antarktis-Forscher Tore Hattermann für ein Interview traf, räumte er gerade den Schnee aus seiner Einfahrt. Schneeschaufeln ist für Wissenschaftler in der Antarktis Alltag, da sie nach jedem Schneesturm ihre Schlafzelte ausgraben müssen – erklärt mir Tore und drückt mir eine Schaufel in die Hand.

Auf seiner Expedition auf dem südlichsten Kontinent, arbeitete er buchstäblich mitten im Nirgendwo: 70 Grad südliche Breite, 600 Kilometer der festen Überwinterungsstation, 100 Kilometer von der Küste – mitten auf einem schwimmenden Eisschelf.

Wie kommt es, dass Du in der hier in Tromsö, in der arktischen Region lebst, aber über die Antarktis am anderen Ende des Planeten forschst?

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Tore Hattermann mit der Antarktis-Ausrüstung (Credit: Elvar Orn Kjartansson (elvarorn.com))

Tore Hattermann: Hier in Tromsö sitzt das Norwegische Polarinstitut, an dem ich meine Doktorarbeit geschrieben habe. Inzwischen arbeite ich aber bei dem norwegischen Unternehmen Akvaplan niva.  Auch entlang der norwegischen Küste gibt es Wasseraustausch zwischen dem tiefen Ozean und dem Kontinentalsockel, also der Küstenregion, die noch mit Meerwasser bedeckt ist. In meiner jetzigen Arbeit geht es dann weniger um die Temperatur, die ans Eis gelangt, sondern mehr um Nährstoffe, die die Fische erreichen oder um Ölverschmutzung. Deswegen entwickeln wir ein neues Modell, das die Zirkulationen an der norwegischen Küste beschreibt.

Was ist deine Motivation daran zu forschen und solche Modelle zu entwickeln?

Die ganze Klimawandel-Thematik finde ich als Physiker sehr interessant, deswegen ist das eine große inhaltliche Motivation. Mir gefällt, dass man auch viel improvisieren muss bei der Feldarbeit in der Antarktis, weil etwas anders verläuft als erwartet: Wenn plötzlich bei einer Bohrung der Druck absackt und man überlegen muss, woran es liegt – und wie man das Problem schnell und ohne die passenden Ersatzteile lösen kann. Mir machen solche unvorhergesehenen Herausforderungen Spaß. Und draußen in der Natur zu sein und Extremsituation zu erleben, finde ich schon spannend für mich persönlich.

Die Antarktis ist der kälteste Kontinent der Erde und gilt als der lebensfeindlichste – wie klingt sie?

Manchmal hört man Vögel. Die wohnen weiter landeinwärts bei der norwegischen Station auf den Felsen und müssen die 300 Kilometer zur Küste fliegen, um Futter zu suchen. Sie landen auch ab und zu bei uns auf dem Schelfeis, wenn wir da am Boden arbeiten; vermutlich weil es für sie so aussieht als würden wir Futter haben.

Ansonsten ist es still, wenn gutes Wetter ist. Bei schlechtem Wetter versteht man sein eigenes Wort nicht mehr, weil der Wind so laut ist. Der ist dort stärker: bis zu 100 km/h schnell.

Wie bewegt ihr euch in so einer Umgebung fort?

Wir haben sozusagen Wohnwagen auf Skiern, die insgesamt 12 Tonnen Ausrüstung transportieren. Deswegen können sie nur sehr langsam fahren, ungefähr mit 12 Kilometern pro Stunde. Für die Bohrungen mussten wir 600 Kilometer von der norwegischen Station raus auf das Eisschelf fahren.

Ist das nicht gefährlich einfach über das schwimmende Eisschelf zu fahren?

Wir haben Sicherheitsexperten dabei, die vorher mit Satellitenbildern prüfen, wo Gletscherspalten sind und die Routen dementsprechend festlegen. Außerdem haben wir zusätzlich einen Bodenradar fünf Meter vor dem Fahrzeug. Die meisten Gletscherspalten sind ein bis zwei Meter breit und etwa 25 Meter tief. Ein Mensch könnte da schnell hinein fallen, die großen Fahrzeuge fahren einfach darüber hinweg. In einer Region mit Gletscherspalten darf man dann nur an das Fahrzeug angegurtet auf das Eis, ausgerüstet mit Kletterzeug und einer Eisaxt. Wir haben auch Gletscherspaltenrettungstraining, wo man dann zum Beispiel lernt, einen Flaschenzug zu bauen, um wieder aus der Spalte herauszukommen.

Hat man da nicht ständig Angst?

Die Gefahr ist nicht die Kälte oder Einsamkeit oder kaputte Ausrüstung, sondern das auf-sich-selbst-gestellt-sein. Es gibt vorab ein Erste-Hilfe-Training, aber auch die Ärzte sagen, dass man bei einer ernsthaften Verletzung nichts machen kann – außer Abwarten, bis Hilfe kommt. Und das dauert wahrscheinlich zu lange. Aber das hat man zum Glück nicht die ganze Zeit im Hinterkopf.

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Mit kochendem Wasser bohren die Forscher Löcher in das Eisschelf, um die Wassertemperatur und Strömung darunter messen zu können (Credit: Lars Henrik Smedsrud)

Wie sieht denn deine Arbeit  und das Leben vor Ort aus?

Im antarktischen Sommer scheint die Sonne 24 Stunden am Tag. Laut dem Arbeitsvertrag sind 12 Stunden pro Tag vorgesehen, es gibt auch keine Wochenenden. die wirkliche Arbeitszeit ist dann wetterabhängig. Bei einer Bohrung wussten wir, dass in drei Tagen ein Sturm aufziehen soll, aber für ein Bohrloch ungefähr 36 Stunden brauchen. Man kann dann entweder abwarten, bis der Sturm vorbei ist und danach anfangen – oder vorher fertig werden, und dafür arbeitet man dann eben rund um die Uhr.

Ansonsten hat man sehr viel Zeit, die man mit anderen Menschen auf engem Raum verbringt, da passieren psychologisch schon merkwürdige Dinge. Aber ich hatte das Glück mit vernünftigen Kollegen im Feld zu sein, die sich gegenseitig ihre Privatsphäre gönnen.

Zum Schlafen hat dann sowieso jeder sein eigenes Zelt, das man nach einem Schneesturm dann auch ausgraben muss. Darin ist es aber gar nicht so kalt, wie man vielleicht denkt. Meine Freundin Anne, die die letzte Expedition als technische Assistentin begleitet hat, hat mal bei gutem Wetter ein Thermometer in ihr Zelt gehalten: plus 28 Grad waren es da drin. Der Schnee hat dann zwar immernoch minus zehn Grad, aber bei Sonne ist es echt okay. Mit schwarzer Wollunterwäsche kann man dann draußen auch gut im Tshirt arbeiten.

Wenn wir längere Zeit an einem Ort bleiben, stecken wir auch immer Flaggen aus, damit Rettungsflugzeuge uns im Notfall finden können – und nicht auf den zugeschneiten Zelten oder der Ausrüstung landen. Man muss auch täglich über das Satellitentelefon bei der Station anrufen und sagen, dass alles in Ordnung ist. Wenn wir uns nicht melden, kommen sie sofort zu uns raus.

Bei schlechtem Wetter verbringe ich den Alltag viel Zeit mit Lesen, oder Daten auswerten, sobald die ersten Messergebnisse da sind. Aber irgendwann verfällt man in so einen Trott, in dem man sich für all das nicht mehr motivieren kann – dann setzt man sich einfach vor den Computer und schaut Filme.

Und was isst man während so einer Mission: zwei Monate lang jeden Tag Ravioli aus der Dose? Oder Pinguin?

Pinguin zu probieren haben wir mal überlegt, aber das hätte großen Ärger gegeben. Es klingt ein bisschen verrückt, aber wir fahren mit einem Gefriercontainer durch die Antarktis. Der ist in erster Linie, um die Eisbohrkerne der Glaziologen kalt zu halten. Denn es kann zu der Jahreszeit bis zu -1 oder 0 Grad warm werden, aber die Eiskerne kommen aus -15 Grad kaltem Eis und müssen so kalt bleiben.

Aber da konnten wir dann auch ganz gut unser Tiefkühlessen mit reinlegen. Das hat der Koch der norwegischen Station für den ganzen Expeditionszeitraum und alle Leute vorgekocht und portionsweise eingefroren – und wir tauen sie dann einfach wieder auf.

So ein Gefriercontainer verbraucht bestimmt viel Energie. Wie ist die CO2-Bilanz eines solchen Projekts?

Da reden wir besser nicht drüber. Bei einer Expedition hatten wir 180 Fässer Diesel mit – für die 11 Person macht das einen Ausstoß von ungefähr neun Tonnen CO2 pro Person. Das ist ungefähr die Menge, die ein Deutscher durchschnittlich pro Jahr verursacht; oder ein Flugzeug auf dem Hin- und Rückflug von Hamburg nach Tromsö ausstößt. Allerdings ist das auch zehnmal mehr als dessen was jeder Mensch in einer „klimaneutralen“ Gesellschaft im Durchschnitt verursachen dürfte. Die Belgier haben ja eine Station gebaut, die energieneutral sein soll. Aus meiner Sicht ergibt es wenig Sinn für die paar Leute unter solchen Extrembedingungen einen Showcase zu bauen und zuhause in der Gesellschaft weiter verschwenderisch zu leben – die Erspanis könnte viel größer sein, wenn man zum Beispiel mal aufhört zuhause in Norwegen die Fußgängerwege zu heizen. Vom energetischen Gesichtspunkt wird bei solchen Projekten viel Aufwand für eine vergleichsweise geringe Ersparnis betrieben, die eher einen symbolischen und medienwirksamen Charakter hat. In gemäßigten Klimazonen ist das Energiesparen beim Häuserbau bereits keine technische Herausforderung mehr und doch werden noch haufenweise Nicht-Nullenergiehäuser gebaut. Und obwohl der Pro-Kopf-Verbrauch von den paar Expeditionsteilnehmern auf dem Schelfeis in der Antarktis fürchterlich hoch ist, so sind es am Ende in erster Linie die drei LKW-Motoren unserer Kettenfahrzeuge die während der zwei Monate im Eis den meisten Treibstoff verbrauchen – vom Interkontinentalflug Kapstadt-Antarktis mal abgesehen. Drei LKWs in zwei Monaten, wieviele Antarktisexpeditionen man da wohl auf Autobahnen einsparen könnte?

Was würdest Du in Zukunft noch gern herausfinden?

Ein mittelfristiges Ziel ist, herauszufinden, warum einige Modelle warmes Wasser unter dem Fimbul Eisschelf vorhersagen und andere nicht. Das Projekt ist mit meiner Doktorarbeit zwar offiziell abgeschlossen. Aber eigentlich heißt “abgeschlossen” nur, dass es erstmal kein Geld mehr dafür gibt. Jedes Mal, wenn man als Wissenschaftler ein Loch gräbt, findet man drei Stellen an denen man weitergraben sollte – man findet immer mehr Fragen als Antworten.

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