„Debatte“ um den Ausflug von Herrn Gutjahr

Ehrlich gesagt verstehe ich diese vermeintliche Debatte nicht wirklich. Für mich verstehe ich auch nicht, weshalb das überhaupt eine „Debatte“ ist..

Da fährt ein Journalist und Blogger nach Ägypten und schreibt über seine Erlebnisse.

Dann fangen andere an zu lamentieren, dass das ja subjektiv und nicht journalistisch sei. Entschuldigung, aber sind Journalismus und gerade Reportagen nicht immer subjektiv?

So viel ist von meinem Philosophie-Unterricht hängen geblieben: Objektivität wird dadurch erreicht, dass möglichst viele Menschen den gleichen subjektiven Eindruck haben.

Ich habe außerdem mit keinem Wort bei Gutjahr gelesen, dass er Anspruch auf Objektivität erhebt. Jetzt zu argumentieren, dass das ganze ja eine sehr subjektive Geschichte, wirkt daher auf mich so, als suche man förmlich nach Kritikpunkten.

Er erhebt auch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit (oder habe ich da was überlesen wie „die ganze und alleinige Wahrheit über die Geschehnisse in Ägypten“?) und ehrlich gesagt – als denkender, aufgeklärter, mündiger Mensch wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dass eine Person in diesem Durcheinander ALLES wissen kann. Es ist für mich also mehr als selbstverständlich, nicht nur einen Herrn Gutjahr zu lesen, sondern gleichzeitig noch die gängigen Medien parallel (auch wenn mich tagesschau.de mit der Schreibweise „Al Dschasira“ kurzzeitig ebenfalls hat zweifeln lassen, ob man das ernst meinen/nehmen kann).

Den zweiten Kritikpunkt – er mache das nur zur Selbstinszenierung (hat ihn eigentlich mal irgendjemand wenigstens pro forma selbst deswegen gefragt??)  – verstehe ich noch viel weniger.

Wenn ich seine Texte lese, dann steht da nicht Richard Gutjahr in persona im Vordergrund, sondern das, was er beobachtet. Die Lage in Kairo aus seiner Sicht. Was bitte, ist daran Selbstdarstellung? Er schreibt ja auch nicht „schaut mal, wie toll ich bin, ich hab mich getraut nach Ägypten zu fahren“. Er macht es einfach, schreibt drüber und anscheinend finden sich eine Menge Menschen, die das alles lesen (wollen) und auch noch eine Meinung dazu haben.

Wo genau ist da das Problem bzw. die Selbstdarstellung? Fängt dann Selbstdarstellung nicht schon an, wenn mein Name unter meinem Artikel steht?

Und selbst wenn es zur Selbstdarstellung wäre – so what?! Er hat was geschrieben, was ich persönlich zumindest interessant und als Mehrwert (nein, nicht zwingend faktischen Informationsgehalt. Aber subjektive Eindrücke können auch Mehrwert sein, finde ich) empfinde.

Schön ist ja auch zu kritisieren, dass er nicht nur gebloggt, sondern gleichzeitig seine „Stammkunden“ bedient hat, wie eben in DRadio-Wissen Medienschau angeklungen ist.

Liebe Leute, wer bitte, der auf eigene Kappe dahin fährt und anscheinend einige Auslagen hat würde nicht jede ihm zur Verfügung stehende Möglichkeit  (sei es  Arbeitgeber zu bedienen oder Flattr-Buttons einzurichten) nutzen, Geld damit zu verdienen?!

 

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4 Gedanken zu “„Debatte“ um den Ausflug von Herrn Gutjahr

  1. Pingback: Tweets that mention „Debatte“ um den Ausflug von Herrn Gutjahr | Grünschnabel -- Topsy.com

  2. Hallo Frau Grün,
    welch erfrischender und endlich mal unverkrampfter Text zum „Ausflug“ von Richard Gutjahr.
    Zwei Rückmeldungen dazu:
    1. Lese ich „Al Dschasira“, muss ich mir auch immer erst einmal die Augen reiben. Naja.
    2. Den Vorwurf der Selbstinszenierung kapiere ich eben so wenig wie Sie. Köstlich Ihr Einsprengsel: „Hat ihn eigentlich mal irgendjemand wenigstens pro forma selbst deswegen gefragt??“
    Ich vermute, Ihr seltsames Ansinnen könnte für stirnrunzelndes Unverständnis sorgen ;-)
    Beste Grüße
    is

  3. Hallo Frau Seibel,
    vielen Dank für Lob und Zustimmung. Ich finde es immer sehr erfreulich mit meinem Unverständnis nicht ganz allein zu sein :-)
    Und wenn mein „seltsames Ansinnen“ wenigstens zu einem Stirnrunzeln führt, hat es ja wenigstens ein kleines bisschen was gebracht.

    In Sachen Selbstinszenierung ist mir noch eingefallen, dass man mir ebenso spitzfindig auch Selbstinszenierung vorwerfen könnte, weil ich mich normalerweise nicht mit Netzdebatten (öffentlich) auseinandersetze und jetzt, wo dieses Thema „debattiert“ wird, doch etwas öffentlich dazu sage… Verfänglicherweise muss ich dazu noch zugeben, dass die Klicks auf meinem Blog von (gestern) „0“ auf (heute) „99“ gestiegen sind… ;-)

  4. Ihre steigenden Klickzahlen sind wohl der beste Beweis dafür, warum die Blogosphäre sich so gerne mit Gutjahr beschäftigt. Dabei muss man natürlich ein paar Spitzen und Vorwürfe in die Runde schmeißen, damit man das auch gescheit mit „Gutjahr“ taggen kann ;-)

    Mir geht’s wie Ihnen, beteilige mich selten an Netzdebatten. Aber die um Gutjahr hatten wir ja schon mal im April letzten Jahres. Da ging mir dann auch die Hutschnur hoch: http://ingeseibel.de/?p=844

    Besser als Sie hätte ich das jetzt auch nicht ausdrücken können. Habe mich diesmal aufs Kommentieren hier und da beschränkt. Aber ich bin guten Mutes: Es gab auch so viel positive Resonanz: Da finden sich bald noch mehr Journalisten wie Gutjahr, Weinreich oder Fiene, die als Journalisten munter drauflos experimentieren – und dann erledigt sich vielleicht auch bald die Selbstdarstellungsdebatte…

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