Das Bachelor- und Mastersystem: Soll- und Ist-Zustand

Die Soll-Zustände sind der Website des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zum Bologna-Prozess entnommen.

BERUFSBEFÄHIGUNG

Soll-Zustand

„Der Bachelor führt bereits nach drei bis vier Jahren zu einem berufsbefähigenden Abschluss, so dass der Berufseinstieg früher als bisher möglich ist.“

Ist-Zustand

Das wäre schön,  ist aber leider nicht so. Ein Beispiel vom Berufsperspektiven-Tag des Fachbereiches Biologie an der WWU, bei dem Führungspersonen aus naturwissenschaftlicher Forschung und Industrie zugegen waren: „Wir stellen keine Bachelor ein, wir wissen ja gar nicht genau, was die alles können. Da nehmen wir lieber jemanden mit Diplom, da haben wir wenigstens Erfahrungswerte. Ohne einen Masterabschluss haben Sie keine Chance.“

Dass die Lage nicht so rosig ist, hat man sogar schon erkannt:

„Die Akzeptanz der Bachelor- und Masterabschlüsse in Wirtschaft und Gesellschaft nimmt zu, ist aber noch nicht ausreichend. Hier gilt es das Vertrauen in die Qualität der Abschlüsse durch transparente Qualitätssicherung weiter zu stärken und die umfassenden Informationsangebote für künftige Studierende und potentielle Arbeitgeber zu optimieren.“

Bleibt die Frage, wann sich denn was ändert? (Und jetzt bitte nicht der Einwand „das dauert halt alles“ bzw. „das geht nicht von jetzt auf gleich“. Was machen denn all diejenigen, die in der Zeit, die für eine Umstellung benötigt wird, ihren Bachelorabschluss erlangen und gern arbeiten würden? Warten bis sich alle umgestellt haben?)

UMSTRUKTURIERUNG DER STUDIENINHALTE

Soll-Zustand

„Allerdings reicht es nicht aus, bestehende Studienangebote lediglich umzuetikettieren. Entscheidend ist eine Reform der Studieninhalte und damit unter Umständen eine Straffung und bessere Strukturierung der Curricula“

Ist-Zustand:

1.)    Schöner, sinnvoller Satz, aber hält sich jemand daran? Auch fünf bis sechs Jahre nach der Umstellung auf das Bachelor-/Mastersystem sind die Inhalte in ihrem Umfang noch die gleichen, werden nur in kürzerer Zeit durchgeprügelt. Wie oft hörten wir vom Professor den Satz „Wir haben so wenig Zeit, bitte entschuldigen Sie, wenn wir da so schnell durchrauschen“. Um dann festzustellen, dass drei Professoren der gleichen Veranstaltungsreihe, die inhaltlich gleiche Vorlesung jeweils ein Mal halten. Dafür ist Zeit? (zugegeben: Nachdem dieser Sachverhalt einem Professor mitgeteilt wurde, hat er sich vorgenommen, mit seinen Kollegen darüber zu reden. Aber sollte man nicht vielleicht vorher darüber reden?)

2.)    An dieser Stelle auch mal konstruktive Kritik: Ich hätte kein Problem damit im Zuge einer „Straffung“ zum Beispiel ohne Pflanzen- und Käferbestimmungsübungen auszukommen (weil ich sie nicht für sonderlich zukunftsweisend halte). Es soll aber Menschen geben, die das mögen. Als Kompromiss könnte man zur Straffung und größerer Flexibilität (siehe oben) mehr Wahlfreiheit einführen. Nur so eine Idee. Müsste man vielleicht auch mal drüber reden.

VERSTÄNDLICHE UND VERGLEICHBARE ABSCHLÜSSE

Soll-Zustand

„Einführung eines Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse (Bachelor und Master)“

Ist-Zustand

Es gibt immer noch eine Menge Menschen, die beispielsweise in Personalabteilungen für Praktikumsbetreuung zuständig sind, und dann vorschlagen „Sie können doch das Praktikum vielleicht auch im Semester machen, wenn Sie scheinfrei sind.“

  1. Es gibt keine „Scheine“ mehr, sondern Punkte
  2. „Punktefrei“ kann man nicht sein.

AUSLANDSAUFENTHALT und INTERNATIONALITÄT

Soll-Zustand

„Politisches Ziel ist es, dass 50% der Studierenden studienbezogen ins Ausland gehen und 30% der deutschen Studierenden wenigstens ein Semester ihres Studiums im Ausland absolvieren. Dazu sind Qualität und Transparenz des Studienangebots sowie die Kompatibilität der Abschlüsse wichtig.“

Ist-Zustand

In meinem naturwissenschaftlichen Bachelorstudium gab es exakt 1 (in Worten: EIN) Semester in dem die Möglichkeit bestanden hätte mobil zu sein, also ins Ausland zu gehen.

Allerdings braucht man dafür

  1. einen Professor der heimischen Universität, der das Auslandssemester betreut („Wieso wollen Sie denn weg, wir haben doch hier eh das bessere Angebot“)
  2. Nicht nur ETCS-Punktegleichheit, sondern auch inhaltliche Ähnlichkeit, der angebotenen Module, weil der Professor sie sonst eventuell nicht anerkennt

Es wäre schön an dieser Stelle sagen zu können, dass das bloß mein persönlicher, subjektiver Eindruck ist. Aber im Bericht über die bisherige Umsetzung der Bologna Ziele von November 2008: „Eine Studierendenbefragung von 2007 hat ergeben, dass nur in 41 % der Fälle im Ausland erbrachte Studienleistungen komplett anerkannt werden, es bei 23 % gar keine Anerkennung und bei den Übrigen nur eine teilweise Anerkennung gab.“

LEBENSLANGES LERNEN

Soll-Zustand

„Einbettung in das Konzept des Lebenslangen Lernens durch Schaffung von flexiblen Lernangeboten im Hochschulbereich oder durch Verfahren für die Anerkennung früher, auch außerhalb der Hochschule erworbener Kenntnisse“

Ist-Zustand

1.)      „Flexible Lernangebote“ Was sich erstmal grandios liest, bedarf eigentlich einer genaueren Definition des Wortes „flexibel“. Flexibel bedeutete für mich bislang die Möglichkeit aus verschiedenen Möglichkeiten zu wählen. In meinem Bachelor-Studium gab es im 3. Semester die Wahl, entweder ein halbes Jahr „Experimentelle Physik“ oder „Erd- und Lebensgeschichte“ zu belegen. Die nächste „Wahl“ bot sich im 5. Semester; aus dem hier größeren Angebot von 16 Modulen durfte man ganze zwei aussuchen…

2.)      „Lebenslanges Lernen“ finde ich super, würde ich gern, geht im Bachelor leider nicht. Elf Klausuren in drei Wochen führen eher zu „Bulemie-Lernen“ als zu lebenslangem Lernen. Außer, dass man vielleicht fürs Leben lernt, auswendigzulernen…

BACHELOR – UND DANN?

Soll-Zustand

„Die konkrete Zulassung zur zweiten Stufe, einem Masterstudiengang, hängt auch von den erbrachten Leistungen in der ersten Stufe ab“

Ist-Zustand

Das wiederum ist ein Thema für sich: „Denn sie wissen nicht, was sie tun (sollen)“

Zum Schluss eine Anmerkung. Ich stelle nicht in Abrede, dass es sich bei den genannten „Ist-Zuständen“ um meinen persönlichen, subjektiven Eindruck handeln mag. Ich wäre dankbar für jedes positive Gegenbeispiel.

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