Der Zauberer, der Hundertwasser mochte

Eine weitere Zug-Begegnung: ein Mann anfang vierzig sah merkwürdig, aber nicht ungepflegt aus. Volles graues Haar – ebenso der Bart. Ruhiges, ausgeglichenes Gesicht.

Die Ärmel seiner beigefarbenen Jacke hatte er nach innen gekehrt und nur den obersten Knopf zugeknöpft, sodass sein Umhang wie ein Zauberer-Cape aussah. Die sandfarbene Hose war an einem Hosenbein sorgfältig auf Dreiviertelhose gekürzt und mit einem grünen Dekoband mit Blumen und Käfern drauf besetzt. An beiden Füßen graue Socken und blaue Stoff-Slipper.

Zwei mal lief er durch den Zug. Dann blieb er an den Klappsitzen stehen. Zog seinen linken Schuh aus und stellte sich mit dem Fuß auf den Schuh und begann mit dem linken Bein zu wippen.

Dann holte er aus seine Tasche ein Kinder-Reißverschluss-Etui hervor und unter seinem Hemdkragen (?!) ein gelbes Seidentuch mit bunten Luftballons hervor. Ich dachte, er würde jetzt wirklich zaubern. So wie manchmal auch Musikanten durch den Zug ziehen und Akkordeon spielen zum Beispiel.

Aber dieser Zauberer beachtete sein „Publikum“ gar nicht. Er öffnete sein Etui und Kleinkram und Nähzeug kam zum Vorschein. Er fischte eine Nadel hervor und begann das Seidentuch mit einem blau-goldenen Dekoband zu besticken. Wippend.

Zwischendurch befeuchtete er den Faden, um ihn neu durch die Nadel zu ziehen (es war ein recht kurzes Stückchen). Und nebenbei: ich habe noch nie einen Menschen so leidenschaftlich einen Faden anfeuchten gesehen…

Ich war nicht die einzige, die ihn beobachtete. Mir gegenüber ein Mann Mitte dreißig. Blaues Hemd, beiger Kaschmirpulli. FAZ-Zeitung lesend beobachtete er den Zauberer mit verständnislosem Interesse. Eine Sitzgruppe weiter: eine Frau anfang sechzig mit unglaublich kritischem und argwöhnischen Blick – aber ihr langer Hals verrät ihre Neugier. Daneben: ein Mann Ende fünfzig. Halbmondbrille. Er muss mehr über den langen Hals seiner Sitznachbarin schmunzeln, als über den Zauberer.

Der bekommt von alldem nichts mit.

Es gibt ja so Menschen, die ihre Eigenarten haben und unbedingt Aufmerksamkeit wollen und suchen. Der Zauberer nicht. Mit seinem Aussehen und seinem kuriosen Näh-Faible erinnert er mich an Hundertwasser. Der hat doch gesagt, gerade Linien seien gottlos und hat deshalb nur ungebügelte Sachen getragen. Teilweise aus verschiedenen Mustern und Stoffen selbst genäht. Und immer zwei verschieden farbige Socken. (Interessant ist auf seine Theorie der sieben Häute – Nachtrag folgt)

Der Zauberer schaut sein Publikum nichtmals an. Während der ganzen Vorstellung nicht. Aber dennoch zaubert er : und zwar ein Lächeln auf das Gesicht von fünf wohl sehr unterschiedlichen, fremden Leuten. Wer kann das schon von sich behaupten?

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