Das Geheimnis des pinken Plüschfischs

Im Zug. Noch im Bahnhof. Da lässt er sich lässig auf den Sitz gegenüber von meinem Platz und grinst mich an.Er dreht sich ein bisschen nach links,  sodass ich freie Sicht auf seine pinke Tracht mit dem orangenen Leopardenmuster hatte. Er entspannt sich an seinem Haken, der ihn an der schwarzen Ledertasche eines dicken Mannes befestigt. Der (also der dicke Mann) quetscht sich auf den Sitz  gegenüber meiner gigantischen Tasche. Und mich hat’s erwischt.

Vielleicht ist es eine Berufskrankheit. Zumindest ist es aber ein Hobby. Das Leute beobachten und sich ihre Geschichten auszudenken. Mir gegenüber sitzt also ein dicker Mann mit einem pinken Plüschfisch an seiner schwarzen Ledertasche und ich frage mich, wie die beiden zueinander gefunden haben. Der Fisch und der Dicke.

Meine erstee Überlegung: von seinem Kind geschenkt bekommen. Dazu passt der Ehering an seinem linken Finger. Aber etwas passt nicht ins Bild: der Essiggeruch, der mit ihm Platz nahm.  Der kommt vom Burger, den er gerade verspeist. Wäre er tatsächlich verheiratet, würde er jetzt nach Hause fahren und da was zu essen bekommen, statt einen Burger zur verschlingen.

Er scheint meine Gedanken zu hören, denn er schaut auf sein Brötchen herab und betrachtet es kritisch. Das erlaubt mir einen Blick auf sein lichter werdendes Haupthaar, das wohl mal schwarz-braun war und langsam ergraut. Er trägt ein Polohemd aus Baumwolle, es ist hauptsächlich blau, mit gelben Absätzen. Aus dem Ausschnitt lugt grau gekräuseltes Brusthaar hervor. Dazu Jeans, die hat (wie meine zugegebenerweise auch) schon bessere Tage gesehen.

Er hat mittlerweile das restliche Brötchen weggeworfen. Und er tut etwas, das ich nicht erwartet hätte. Er zog ein Buch über „Ersatzschaden bei Personenschaden“ hervor, das auf die aktuellen Seite geknickt ind der Plüschfisch-Tasche verstaut war. Das machte meine Theorie mit Industriearbeiter kaputt. Auch Bahnmitarbeiter war hinüber. Vom Buchtitel hätte es auch ein Anwalt sein können, aber dazu passt die Kleidung nicht. Neue Theorie: Gewerkschafter.

Aber dazu sieht er zu unruhig aus. Dann noch etwas Unerwartetes. Er wechselt den Platz, direkt vor mich, rempelt mich dabei an. Entschuldigt dich höflich mit „lange Beine!?“  und einem Lächeln. Ich frage mich kurz ‚meint er meine oder seine Beine?‘ und denke dann über seine Stimme nach, die so gar nicht zum Rest vom Körper passt. Warm und voll, ruhig und beruhigend. Passt zum Gewerkschafter. Aber nicht zu einem in der Politik, an der Spitze. Mehr ein kleines Rad, das in der Firma für seine Kollegen da ist.

Der Zug fährt an und er guckt von seinem Buch hoch. Noch ein freundliches Lächeln „Endlich mal ein Zug der pünktlich losfährt“. Häufiger Bahnfahrer also. Ich bin zu sehr mit Berufe-Raten beschäftigt, als dass ich was sagen könnte, lächle zurück und nicke. Ob er bemerkt, dass ich über ihn nachdenke? Er hebt jedenfalls nicht mehr den Kopf .

Und gerade als ich genügend Mut gesammlt habe zu fragen, was er beruflich macht, merke ich das der Zug bereits in meinem Zielbahnhof steht. Ich springe übereilt auf und vergesse zu fragen. Aber er blickt auch nicht auf. Vielbeschäftigter Gewerkschafter.

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